Klinische Studien im Wandel?

Wandel, Progress, Veränderungen, Digitalisierung, Bürokratisierung: Einige Stichworte, die regelmäßig und an unterschiedlichen Stellen erscheinen. Was dahinterliegt wird jedoch selten diskutiert. Dass es diese Phänomene auf irgendeine Art und Weise gibt, sie den Alltag beeinflussen und formen, erscheint offensichtlich – insbesondere, wenn es um so abstrakte Begriffe wie „Progress“ oder, noch vager, „Veränderung“ geht. Wandel und Veränderung gehören letzten Endes zum Leben, zum Lebendig-sein. Man denke an „Prosperität“, das aus dem Lateinischen kommt und so viel wie „Gedeihen“ bedeutet, d.h. gut wachsen, sich entwickeln. Natürlich kann man diese Entwicklung und Veränderung auch negativ auffassen – da würde man beispielsweise von Mutation sprechen. Es ist dennoch primär eine Frage der Perspektive – das, was die eine Seite als einen ungünstigen Progress wahrnimmt, ist für die andere wiederum von Vorteil. Auch wie ausgeprägt die Nuancierung des Wandels für den/die jeweilige/n spürbar ist, ist verschieden. Um das Erleben der Veränderung nachzuvollziehen, muss man dementsprechend die jeweilige Perspektive genauer erkunden.

Um das Abstraktionsniveau nicht zu überspitzen und Bezug auf konkrete Beispiele zu nehmen, führte der ÖBVS eine online Umfrage durch. Das Anliegen war eine Einsicht zu bekommen, wie (ob) ein Wandel im Bereich der klinischen Forschung zum Ausdruck kommt und welchen neuen Herausforderungen sich das Studienpersonal stellen muss. Insbesondere angesichts der Prozesse, die durch die Pandemie erzeugt wurden, stellt sich die Frage, inwiefern diese Einfluss auf klinische Studien nahmen. Die Ergebnisse der Umfrage werden nachfolgend vorgestellt. Dabei ist zu bemerken, dass hierbei von keinen kausalen Zusammenhängen gesprochen wird, genauso wenig von „Repräsentativität“. Die Erhebung basiert auf einem Sample von dreizehn InformantInnen, die in der klinischen Forschung (in Österreich, Deutschland und der Schweiz) tätig sind, wobei Tätigkeitsfelder von der Kinderklinik über Gastroenterologie und Gynäkologie bis hin zu Onkologie und Chirurgie aufscheinen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Arten von Studien, die durchgeführt werden. So wurden beispielsweise klinische Phase I – IV AMG Studien angegeben; NIS, , Registerstudien, PASS und retrospektive Studien genannt. Eine Befragte bezeichnete es treffend als „Quer durch den Gemüsegarten“, was auch auf das Sample im Allgemeinen zutrifft.

Eine der Fragen zielte darauf ab zu erheben, wie viele PatientInnen die Zentren in der letzten Dekade in Studien eingeschlossen haben.

Die Zahlen der Umfrage deuten in diesem Zusammenhang einen Abnahmetrend an. Aufgrund der Tatsache, dass diese Angaben aber eher allgemein gehalten waren und nicht eindeutig auf die individuellen Jahre zurückzuführen sind, sie aufgrund der insgesamt kleinen Fallzahl nicht aussagekräftig genug sind, haben Studierende des Universitätslehrgangs Study Management diesem Trend weiter nachgespürt. Nachfolgend wird ein kurzer Exkurs über den Rückgang von Phase I Studien in Österreich und dazu ein Vergleich mit anderen Staaten eingefügt. Diese Arbeit wurde von Maria-Christine Leitgeb und Nicole Hacker übernommen. Die Autorinnen haben in den Datenbanken EUDRACT und Clinical Trials Gov recherchiert und darüber hinaus Gespräche mit Pharmaunternehmen und langjährigen Prüfärzten geführt.


EXKURS: Gibt es einen Rückgang der Phase I Studien in Österreich?

Es ist ein Rückgang auf der Eudract Seite als auch auf der Clinical Trials Gov. Seite zu beobachten:

EUDRACT: https://www.clinicaltrialsregister.eu/ctr-search/search

Clinical Trials Gov: https://www.clinicaltrials.gov/

Stand: 28.2.2021

Stand: 28.2.21

Mesh-Terms: Austria, Phase I

Mesh-Terms: Austria, Phase I, Early Phase I

  

127 Phase I Studien insgesamt

·      78 completed
·      64 ongoing
·      27 prematurely ended
·      6 restartet
·      6 temporarily halted

296 Studien insgesamt

Recruiting and not recruiting

Phase I Studien gemeldet

Phase I Studien gemeldet

Keine Informationen vorhanden zu den Jahren  1996 – 2010

1996: 296

1997: 295

1998: 293

1999: 290

2000: 287

2001: 286

2002: 286

2003: 285

2004: 284

2005: 281

2006: 275

2007: 263

2008: 251

2009: 238

2010: 216

2011: 84

2012: 78

2013: 73

2014: 68

2015: 61

2016: 44

2017: 33

2018: 29

2019: 22

2020: 16

2011: 193

2012: 166

2013: 145

2014: 127

2015: 110

2016: 94

2017: 71

2018: 55

2019: 29

2020: 20

2021: 3 (Stand 28.2.21)

2021: 1 (Stand 28.2.21)

Vergleich mit anderen Ländern (Info von Clinical Trials Gov), Stand 28.2.2021.  Auch hier ist ein Rückgang der Phase I Studien zu verzeichnen.

Jahr

Ungarn

Polen

Rumänien

Türkei

Ukraine

USA

Thailand

Tschech.

Republik

2000

186

326

74

86

73

25.162

149

182

2005

165

317

74

86

72

22.972

144

176

2010

139

259

61

80

64

17.326

111

156

2015

76

174

35

51

45

10.173

64

88

2020

10

28

4

13

10

2.266

9

9

Auf der BASG Website ist ein Newsletter zur Statistik der klinischen Prüfung nach AMG (kommerziell und akademische Studien) zu finden (https://www.basg.gv.at/gesundheitsberufe/klinische-studien/klinische-pruefung-arzneimittel).

Auch hier ist generell ein Rückgang der Phase I/II Studien zu sehen bzw. ein leichtes „up&down Manöver“ zu erkennen.

Telefonische Gespräche mit Sponsoren haben ergeben, das Phase I Studien heutzutage in den sogenannten „Phase-I-Units“, spezialisierte Zentren, durchgeführt werden, und von denen gibt es in Österreich leider nicht sehr viele. Daher werden die Durchführungsorte in andere Länder wie z.B. Deutschland, Polen, Bulgarien, Spanien, USA, Indien etc. verlegt. Ebenso betonen die Sponsoren, dass österreichische Zentren bei den Feasibilities Patientenschätzungen definieren, die dann oft nicht erreicht werden. Das führt neben der niedrigen Einwohnerzahl im Ländervergleich ebenfalls dazu, dass Österreich als „Durchführungsort“ nicht (mehr) so attraktiv ist. Das ist  mit ein Grund warum sich der ÖBVS für die Qualität in der Durchführung der Studien so einsetzt, denn mit  Quantität kann hier, allein aufgrund der Landesgröße, international nicht gepunktet werden.

Jedoch zu erwähnen sei, dass Österreich eine der kürzesten Zeit von der Planung/Einreichung EK bis zur Genehmigung benötigt, und damit zu den „fast-starting-countries“ zählt. Und damit wird Österreich doch immer wieder gerne mit ins Boot geholt.

Persönliche Gespräch mit langjährigen PrüfärztInnen haben ergeben, dass ein Rückgang bei den akademischen Phase I Studien aus finanziellen Gründen zu verzeichnen ist.


Der besondere Mehrwert von der von ÖBVS durchgeführten Umfrage besteht darin, dass sie die Perspektiven des Studienpersonals auf die Prozesse, die unter anderem aus der aktuellen gesellschaftlichen Lage resultieren, preisgibt. Eine der Fragen lautete „Welche Herausforderungen im Jahr 2020 (bedingt durch COVID-19) haben Sie als besonders schwierig empfunden? Was hat sich verändert?“. Aus den Antworten wird ersichtlich, dass die Herausforderungen, die genannt wurden, nicht ausschließlich auf Corona zurückzuführen sind, wie beispielsweise die „Unmenge an Dokumenten; Versand von Laborproben“. Corona bedingte Erschwernisse werden bei einer späteren Frage deutlicher. Die geschilderten Herausforderungen lassen sich besonders bei der eingeschränkten bzw. veränderten Mobilität/physischen Gegebenheiten verorten (z.B. „Belastung und Mehraufwand durch das Vergeben von Zutrittsberechtigungen“, „Herausforderungen beim Zugang zum Zentrum bewältigen“, „Schwierige Terminplanung auf Grund von Raumknappheit und Abstandsregeln“, „Lange Wartezeiten beim Eingang, keine Angehörigen mitnehmen dürfen“). Abseits der räumlichen Situation spiegeln sich Probleme auch in Verbindung mit der Verfügbarkeit von Studienpersonal wider („Personalengpässe durch Quarantäne“, „Weniger Zeit für Patienten, da weniger Personal und da auch weniger Patienten gekommen sind“, „Weniger Einschlüsse, kein onsite Monitoring, follow up Visiten mussten durch ersten Lockdown verschoben werden (PD) Zusatz-Queries durch Visitenausfall“). Darüber hinaus nahmen die Herausforderungen organisatorischer Natur drastisch zu. („Termine Vereinbarungen und Koordinieren war sehr schwierig“, „IP und Probenversand erschwert – teilweise zu wenig/zu späte Information des Sponsors, was zu chaotischen Zuständen geführt hat“, „Patientenrekrutierung war schwierig“) und allgemeine Ängste und Unsicherheiten („Angst der Patienten sich im Spital anzustecken; Angst ans Zentrum zu kommen“, „Unsicherheit mit den Teststrassen wegen Immunsuppression“) prägten die von den Befragten erfahrene Studienlandschaft. Die Erfahrungen waren dennoch nicht in allen Punkten homogen und einige der Antworten weisen darauf hin, dass nicht alle Studienzentren mit zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen hatten. So konstatierte eine Befragte, es hätte sich „nichts“ verändert, eine andere konkretisierte dies mit der Antwort „Wenig (verändert), nur an einen Patienten wurde Medikation verschickt, alle anderen Visiten haben am Zentrum stattgefunden“. Für die Mehrheit jedoch (10 aus 13) enthüllte sich das Jahr 2020 als besonders kompliziert.

Wie aus den vorher geschilderten Aussagen deutlich wird, hatten auch die PatientInnen der Studienzentren mit zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen – wobei auch hier zu betonen gilt, dass keine klare Einheitlichkeit in den Erfahrungen herausgestellt werden kann. Die Frage „Wie war das Feedback/die Rückmeldung der PatientInnen in der letzten Zeit?“ erlaubte weitere Einblicke in die Komplexität der klinischen Forschung angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Lage. Einerseits wurde konstatiert, dass die PatientInnenzahl allgemein stark zurückgegangen sei, insbesondere die Initiierung neuer Projekte, anderseits antwortete eine Befragte, dass die PatientInnen sich „besonders“ fühlen, „weil sie weiter behandelt werden und der medizinische Kontakt in der Pandemie aufrecht bleibt“. Es wurden auch konkrete Schwierigkeiten genannt, mit denen PatientInnen konfrontiert wurden. Diese waren einerseits bürokratischer Natur, wie die „mühsamen Fragebogen“, „Sorgen um Datenschutz bei online bzw. telefonischen Abfragen“, aber auch „Probleme beim Einlass ins Krankenhaus“ (wobei eine andere Befragte bemerkte, dass die Tests beim Spitalseintritt akzeptiert wurden). Was Operationen betrifft, so wurden diese oftmals verschoben, „was nicht immer für Verständnis sorgte“, andererseits haben „Patienten aufgrund von Corona Angst zu ihren Visiten ins Krankenhaus zu kommen und wollen Termine verschieben (bis sie z.B. geimpft sind)“. Im Allgemeinen wird deutlich, dass Covid-19 die PatientInnen spürbar verunsichert, sie wenden sich mit Fragen zur Impfung an das Studienpersonal, es herrscht Unklarheit „über Covid Impfung und Immunsuppression – (FA verweisen auf  HA und vice versa)“.

In der abschließenden Frage wurde erhoben, inwiefern sich die klinische Forschung, in der Erfahrung der Befragten, in den letzten Jahren verändert hat. An dieser Stelle gab es eine auffällige Übereinstimmung der Antworten. Das, was in der Tätigkeit des Studienpersonals zu den meisten Umständen und Schwierigkeiten führt, ist, so berichten die Befragten, mit dem Begriff Überbürokratisierung zusammengefasst: „administrativer Aufwand“, der „in keiner Relation mehr steht“. Es ist „alles deutlich zeitintensiver“ geworden, weil der „Dokumentationsaufwand enorm steigt“. Gleichzeitig gibt es „zu wenig Personal für Studien“, und gekoppelt an den ansteigenden bürokratischen Aufwand, ist es „fast nicht mehr möglich neben dem klinischen Alltag der Ärzte“ eine Studie durchzuführen. Die „Auflagen der Sponsoren sind mittlerweile ganz schwer zu erfüllen. Man hat auch das Gefühl, dass viele Tätigkeiten, die früher ein Monitor übernommen hat, nun zusätzlich dem Study Coordinator zugefallen sind“. Man erkennt deutlich, dass die Durchführung klinischer Studien und die Tätigkeit von Study Nurses & Coordinators mit vielerlei (zusätzlichen) Aufgaben verbunden ist – oftmals in einem Ausmaß das die gegebenen Kapazitäten weit übersteigt.

Es zeichnet sich ein klarer Trend ab, welcher den Alltag der Study Nurses & Coordinators als Wandel in Richtung ansteigender Bürokratisierung darstellt. Hinzu kommen die durch Covid-19 bedingten Belastungen, die sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld die Handlungsbasis auffällig verkomplizieren. Solche Veränderungen vollziehen sich nicht spurlos, doch oftmals muss das Studienpersonal so agieren, als blieben die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, konstant, denn die Studiendatenqualität muss konsistent erhoben, vollständig und nachvollziehbar sein. Das bedeutet vor allem sie müssen in derselben Zeit (und für dieselbe Bezahlung), zunehmend mehr Tätigkeiten ausführen und dieser Trend war bereits vor den Einwirkungen einer Pandemie festzustellen. Die Herausforderungen, mit denen StudienassistentInnen konfrontiert werden, steigen. Es mag schon stimmen, dass das einzig Konstante im Leben der Wandel ist. Schön wäre es jedoch, wenn dieser Wandel zu Prosperität führt, egal welche Perspektive man einnimmt.